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Er ist fremd gegangen – Vergessen, vergelten, vorhalten oder verzeihen?

Er ist fremd gegangen - Vergessen, vergelten, vorhalten oder verzeihen?

Ob in den Klatsch- und Tratschberichten der Medien oder im näheren Umfeld; Seitensprünge und Fremdgehen bewegen immer wieder die Gemüter. Doch was tun, wenn der eigene Mann dir untreu war bzw. fremd gegangen ist? Die Beziehungsprobleme anderer zu lösen, ist immer leichter, als mit eigenen Krisen umzugehen. Hier erfährst du mehr über den Umgang mit einem Seitensprung und wie du das Beste aus einer schweren Beziehungskrise machen kannst…

E lisabeth ist 38 Jahre alt und Lehrerin. Seit kurzem weiß sie, dass ihr Mann Andreas eine Affäre mit seiner 23-jährigen Arbeitskollegin hat. Klassischer geht es kaum: Er, ein Mann mittleren Alters, hat abends heimlich im Büro Sex mit seiner jungen Kollegin. Er hat es lange geleugnet, obwohl Elisabeth längst Verdacht geschöpft hatte. Eine verfängliche E-Mail hat ihn letztlich verraten.

Ständig die Bilder im Kopf – Er vögelt die junge Kollegin

Die beiden leben noch in einem gemeinsamen Haushalt; wobei die Situation eher einem Überleben gleicht. Andreas will mit Elisabeth zusammen bleiben, doch sie kann ihm nicht verzeihen. Ständig hat sie die gleichen Bilder im Kopf, ihre Gedanken rauben ihr den Schlaf, zusätzlich kontaktiert ihn die Arbeitskollegin regelmäßig und beide sehen sich täglich im Büro. Dieses Wissen macht Elisabeth noch unsicherer. Ihre Gedanken:

  • Flirtet er noch mit ihr?
  • Küssen sie sich heimlich?
  • Schlafen sie noch miteinander?
  • Wie sieht er sie an?
  • Genießt er es? Genießt sie es?
  • Telefonieren sie, wenn ich nicht dabei bin?
  • Lachen sie viel miteinander?
  • Lachen sie vielleicht über mich?

Emotionen zwischen Wut und totaler Verzweiflung

Elisabeth kommt über diese Verletzung einfach nicht hinweg. Auch die ständigen Beteuerungen von Andreas, er würde nur sie lieben und es wäre bloß ein dummer Ausrutscher gewesen, helfen ihr nicht weiter. Ihr Selbstbewusstsein ist mittlerweile verblasst und ständig vergleicht sie sich mit der „Neuen“. Elisabeth steht gefühlt vor den Trümmern ihres Lebens.

Den Seitensprung vergessen?

Ganz nach dem Motto: „Die Zeit heilt alle Wunden“, hoffen viele Paare, dass irgendwann einfach Gras über die Sache wachsen wird. Aus meiner Erfahrung mit unzähligen betroffenen Pärchen weiß ich, dass das so NICHT möglich ist. Eine derart tiefe Verletzung einfach zu vergessen oder die Enttäuschung darüber einfach zu verdrängen, führt niemals dazu, dass es besser wird. Wer kennt ihn nicht, den nagenden Liebeskummer, der einen von innen auffrisst. Sinnlos sind dann gut gemeinte Ratschläge wie: „Vergiss es einfach!“ oder: „Denk´einfach an was anderes!“. Einen Seitensprung kann man nicht vergessen, jeder Versuch mündet in noch mehr Schwierigkeiten und Frustrationen. Probleme werden entweder gelöst oder stetig größer.

Den Seitensprung vergelten?

Ganz nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir!“, taucht bei den Betroffenen oft der Racheaspekt als scheinbar rettender Anker auf. Um das eigene Selbstbewusstsein wieder aufzubessern und das emotionale Gleichgewicht wieder herzustellen, scheint vielen Betroffenen der Gegen-Betrug als die geeignete Wahl der Mittel. Paare, die sich letztlich gegenseitig betrogen haben, erleben dann meistens folgenden Konflikt:

Der Partner, der zuerst fremd gegangen ist, hat es aus Lust auf eine andere Person getan. Derjenige, der aus Rache ebenfalls fremd gegangen ist, hat es eben „nur“ aus Rache getan. Dieser Umstand lässt sich nicht leugnen, egal wie viel man sich selbst belügt. Was übrig bleibt, ist eine noch größere Frustration. Diese führt niemals zu mehr Vertrauen oder gar inniger Liebe.

Manchmal kann es auch vorkommen, dass der Partner, der betrogen hat, in einer ständigen Unsicherheit lebt, sein Gegenüber könnte es ihm auf die gleiche Weise heimzahlen. Auch hier führt die Dauerbelastung für die Beziehung meist zur Trennung.

Ständiges Mahnmal – Den Seitensprung vorhalten?

Ja, das funktioniert. Ich kenne Beziehungen, in denen die Partner bereits Jahrzehnte damit verbringen, sich ihre Fehler bei jeder günstigen Gelegenheit vorzuhalten. Ein niemals enden wollendes Drama aus gegenseitigen Verletzungen und Kränkungen. Auch solche Gefühle verbinden, die Frage ist nur: Will man das? Vorhaltungen zu machen entspricht der billigsten Lösung. Ganz nach dem Motto: „Schuld ist immer der andere. Ich bin der moralisch Überlegene“, hoffen viele, dass die Beziehung aus der Opferposition einen Vorteil bringen könnte. Der “Schuldige“ wird permanent unter Druck gesetzt, immerhin kann er sich keinen Fehler mehr erlauben, er ist der stigmatisierte Täter.

Plötzlicher Perspektivenwechsel – Der „Ass-im-Ärmel-Effekt“

Ein häufiges Phänomen, welches ich beobachtet habe, nenne ich den „Ass-im-Ärmel-Effekt“. Jener Partner, der betrogen hat, wechselt plötzlich die Seiten und wird extrem eifersüchtig auf den anderen, der ihm bereits verziehen hat. 
Der Grund ist mangelndes gegenseitiges Vertrauen. Aus dem Gefühl heraus, man sei dem anderen moralisch unterlegen, entsteht häufig Eifersucht. Immerhin könnte der andere ja das Geschehene mit einer eigenen Affäre ausgleichen. Dies wäre ein „Ass im Ärmel“, welches jederzeit ausgespielt werden könnte. Kann einer, der betrogen hat, seinem Partner wirklich einen Betrug vorwerfen? Hat der Betrogene nicht auch eine Affäre „gut“?

Das Wesen der Liebe ist nicht Leiden!

In einer Beziehung zu bleiben, um sich mit der negativen Vergangenheit gegenseitig das Leben zu versauen, hat nichts mit Liebe zu tun. Zu verzeihen, wenn dein Partner untreu war, ist eine der schwierigsten Herausforderungen in einer Beziehung. Wenn ein Mensch, den wir lieben, die sexuelle Nähe mit einem anderen geteilt hat, ist danach nichts mehr so wie es einmal war.

Neben einem zutiefst verletzten Ego, ist das größte Problem vieler Männer und Frauen nach einem Seitensprung, dass die Sicherheit, sich gegenseitig vertrauen zu können, massiv in Frage gestellt wird.

Verzeihen alleine reicht nicht!

Verstehen lautet das Zauberwort. Verstehen ist ein wichtiger Baustein, um den Weg aus der Krise zurück zur Liebe zu finden. Die Liebe in einer Beziehung wird aus zwei Menschen gemacht und auch wenn das befremdend klingen mag, auch der “Unschuldige” hat einen Anteil am Vergehen des Partners mitzutragen.

Der Gedanke mitverantwortlich zu sein und die Reflexion des eigenen Verhaltens machen handlungsfähiger und bieten die Chance auf einen Neuanfang.

Frag´ dich also ganz ehrlich und ohne Schönfärberei, inwieweit auch du am Geschehenen Verantwortung trägst.

Die 5 häufigsten Gründe für einen Seitensprung

Eifersucht: So paradox es klingen mag, wer seinen Partner loswerden will, ist eifersüchtig. Gerade eifersüchtige und misstrauische Menschen werden besonders oft betrogen, da Vertrauen die Basis einer Beziehung darstellt und ein unsicherer Partner den anderen auch unsicher macht.

Mangelndes gegenseitiges Verständnis: Männer beispielsweise, die nicht zuhören wollen oder Frauen, die keine Anerkennung schenken können, werden häufiger betrogen.

Mangelndes Wachstum in einer Beziehung: Beziehungen werden entweder B wie besser oder B wie beendet. Was nicht wächst, stirbt!

Langeweile: Wenn der Alltag sämtliche Schmetterlinge verscheucht hat, ist es leicht für einen Dritten, das Kribbeln und Feuer in einem selbst wieder zu entfachen. Selbst wenn man mit seinem Partner bereits viele Jahre zusammen ist und sich eine Routine eingeschlichen hat, ist es möglich, die Leidenschaft wieder zu beleben. Das Stichwort lautet: TUN!

Ablehnung: Wir verbringen unsere Zeit am liebsten mit Menschen, in deren Gegenwart wir uns mit uns selbst wohlfühlen. Kritisiert man den Partner häufig oder lehnt ihn ab, ist das auf Dauer eine Einladung in die Arme einer anderen Person.

Einen Seitensprung  zu verzeihen ist möglich, doch kein Muss

Elisabeth und Andreas wussten einfach nicht mehr weiter und entschieden sich für eine Paarberatung. Beide waren äußerst lernbereite und offene Klienten, die schnell verstanden hatten, welche Verletzungen sie einander zugefügt hatten und worauf es beim Bewältigen von Krisen als Paar ankommt. Schließlich entschied Elisabeth, dass einige Zeit Abstand zu Andreas ihr am Besten tun würde. Sie zog mit seiner Unterstützung aus der gemeinsamen Wohnung aus und richtete sich neu ein. Nach einer Kontaktpause und Zeit für sich, kamen die beiden zu mehreren Sitzungen und schließlich zu folgendem Entschluss: (Auszug aus einem Brief, Namen und pers. Details verändert)

Lieber Dominik!

Die Pause zwischen Andreas und mir, in Verbindung mit den Gesprächen bei dir, hat uns sehr gut getan. Auch meine Sicht auf die Dinge hat sich entspannt und verändert. (…) Wir haben uns, seitdem wir bei dir waren, einige Male getroffen und ehrlicher als je zuvor geredet. Komischerweise hatte ich das Gefühl, dass wir nie offener zueinander waren. (…) Ich weiß, dass Andi viel falsch gemacht hat, doch verstehe ich nun auch, welche Fehler ich gemacht habe bzw. welchen Anteil ich am Fremdgehen gehabt habe. Wir haben nun beschlossen, dass wir zusammen einen Neuanfang wagen und unserer Beziehung eine zweite Chance geben wollen. Wir beide möchten nicht mehr zu dem zurück, was wir einmal hatten, sondern wollen unsere Beziehung auf einer völlig neuen Ebene leben.

Danke für alles und hoffentlich bis bald,

Elisabeth

Einen Seitensprung verzeihen?

So hart es klingen mag, es gibt keinen Mittelweg zu verzeihen. Entweder man tut es – oder nicht. Wer ehrliche Liebe im Herzen trägt und sich reif fühlt zu verzeihen und zu verstehen, ist für eine außergewöhnliche Chance reif. Wer sich dazu nicht bereit fühlt, sollte sich das ehrlich zugestehen und die Beziehung besser beenden. Alles was dazwischen liegt, ist ein Weg, sich selbst und seinen Partner für die Vergangenheit zu prügeln, die Zukunft zu erschweren und das Hier und Jetzt unerträglich zu gestalten.

Apropos verzeihen

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Profilbild von Dominik Borde
Dominik Borde, MSc (geb. 1971) ist einer der führenden Beziehungs-Coaches Europas und Gründer des Unternehmens Sozialdynamik mit Sitz in Wien. Der durch die International Coach Federation (ICF) zertifizierte Trainer und sein Team bieten Coaching- und Trainingsleistungen für Einzelpersonen und Paare, sowie – speziell für Führungskräfte entwickelte – Programme „Leadership 4.0“, „High Performance Coaching“ und „Executive Coaching“ an. In seiner Arbeit verwendet Borde unter anderem die von ihm entwickelte „360° Methode“ und das Konzept der „Sozialdynamik“, um die Eigenverantwortung des Einzelnen zu stärken und die Kommunikation innerhalb von Gruppen zu harmonisieren. Borde ist Autor zahlreicher Fachbücher und Videos zum Thema Beziehungsgestaltung und wird regelmäßig von internationalen Medien als Experte hinzugezogen.

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