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Verzeihen und verziehen haben – Wie glückliche Paare mit gegenseitigen Verletzungen umgehen

Paar umarmt einander

Egal wie sehr wir uns auch anstrengen, es ist schier unvermeidlich, dass innerhalb einer intimen Paarbeziehung auch gegenseitige Verletzungen passieren. Aus Unwissenheit, Unachtsamkeit oder Ungeschicklichkeit geschieht manches, das uns später leid tut. Tatsache ist, was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Für eine dauerhaft glückliche Beziehung ist es wichtig, dass Paare einen Weg finden, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, um gemeinsam in eine erfüllte Zukunft gehen zu können…

I n meiner Arbeit mit Paaren kommt es sehr häufig vor, dass eine Verletzung einer sonst durchwegs glücklichen Partnerschaft weiterwirkt und wie ein Schimmelpilz seine Sporen allmählich auf die gesamte Beziehung ausweitet. Die zornige Drohung wegen des vergessenen Jahrestages, die Geschichte mit dem Arbeitskollegen, die Szene im Supermarkt oder der Satz, den er/sie in der Hitze des Gefechts achtlos ausgesprochen hat: Manchmal treffen wir eine wunde Stelle des Partners, die nicht ohne weiteres heilen will und als dauerhafte Verletzung die Partner nach und nach von einander entfernt.

Verzeihen lernen – Verletzungen heilen

Dabei muss es sich nicht immer um Einzelereignisse, die uns verletzen, handeln. Häufig kommt es vor, dass wir Dinge lange “runterschlucken“, dass wir das, was uns weh tut, nicht sofort ansprechen, weil wir zu stolz oder zu feig sind, dem Partner unsere Verletzlichkeit zu zeigen. Nach dem Motto: „Ich sage nichts, weil ich kein Drama will.“! Wenn es uns dann doch zuviel wird, bricht es plötzlich – und für den Partner völlig unerwartet – aus uns heraus. Anstatt über die eigentliche Ursache unserer Wut zu sprechen, ist es uns peinlich und schießen mit scharfer Munition zurück. Damit beginnt ein nicht enden wollender Teufelskreis gegenseitiger Verletzungen, der auf die Dauer unweigerlich Liebe und Leidenschaft eines Paars zerstört.

Konkretes Fallbeispiel:

Ähnlich erging es einem Pärchen, das letztens bei mir war. Sie war 6 Jahre nach der Hochzeit unbewusst noch immer sauer auf ihn, weil er zum damaligen Zeitpunk nicht engagiert genug gewesen war. Aus früheren Erzählungen wusste sie, dass er sich bei der Hochzeit mit seiner ersten Frau ganz anders verhalten hatte. Hintergrund seines fehlenden Einsatzes rund um die Hochzeitsvorbereitungen war der bevorstehende Konkurs seiner Firma und die Angst vor drohenden Klagen. Die Hochzeit hatte er durchaus gewollt, doch die Sorge, seiner zukünftigen Frau nicht das Leben bieten zu können, das er sich ausgemalt hatte, quälte ihn. Ein gemeinsames Hochzeitsfoto mit seiner Ex, das am Dachboden vergessen hatte, tat den Rest. Seither befürchtete seine Frau, dass er sie in Wirklichkeit gar nicht heiraten wollte. Diese alte Verletzung führte zu zahlreichen Missverständnissen und gegenseitigen Enttäuschungen, sodass sie schließlich bei mir auf der Couch landeten.

Verletzungen wieder gut machen

So hart es klingen mag, es gibt keinen Mittelweg zu verzeihen. Entweder Mann/Frau tut es oder tut es nicht. Halbe Lösungen, jahrelange Vorhaltungen und eine Vergangenheit, die als unbewältigtes Damoklesschwert über den Köpfen der Liebenden hängt, fallen den Partnern eines Tages entweder auf den Kopf oder trüben den Alltag so sehr, dass jedes Weitermachen nur einem feigen Versteckspiel aus Angst, Neues zu beginnen, gleichkommt – aber niemals einem Akt der Liebe!

Gegenseitiges Verzeihen ist KEIN Muss!

Liebe und Partnerschaft sind Kontingent in deinem Leben. Du allein entscheidest, wie du das, was zwischen dir und deinem Partner vorgefallen ist, interpretierst und ob du daran glaubst, dass die Liebe es wert ist, an ihr zu arbeiten. Ein geschulter Berater kann dir dabei helfen, klarer zu sehen und eine Entscheidung zu treffen. Fest steht, was auf Dauer nicht funktioniert, gehört beendet. Nach schweren Enttäuschungen, wenn zum Beispiel einer der Partner ein intimes Verhältnis mit einem Dritten hatte, ist es eine Option, Mut zu fassen und sich ehrlich einzugestehen, dass man nicht vollständig verzeihen kann. Gerade Männer schaffen es – ohne äußere Hilfe – nur in den seltensten Fällen, einen Seitensprung ihrer Partnerin zu verzeihen. Wenn du spürst, dass dein Vertrauen zu dem Menschen, der dich verletzt hat, nicht wieder herzustellen ist, ist es besser, du setzt der Beziehung ein Ende und quälst dich und deinen Partner nicht länger mit der Vergangenheit!

Verletzungen wirklich verzeihen

Eine andere Option ist es, wirklich und von Herzen zu verzeihen, was geschehen ist. Mit wirklichem Verzeihen meine ich jedoch nicht darüber zu schweigen! Solange der, der verzeiht, sich in der moralisch überlegenen Position sieht, und dem, der eine Verletzung begangen hat, die Vergangenheit bewusst oder unbewusst ständig weiter vorhält, erzeugt er beim Partner Schuldgefühle und Leidensdruck. Notfalls kann der „Schuldige“ immer wieder angegriffen werden, er muss immer wieder Busse tun für sein Vergehen. Auf Dauer fühlt sich dieser in der Rolle des Täters unwohl und wird auf die eine oder andere Art und Weise die Flucht ergreifen. Bloßes Totschweigen oder Verdrängen ist in diesem Kontext also nicht ausreichend.

Den eigenen Anteil an der Verletzung tragen

Eine Beziehung wird aus zwei Menschen “gemacht”, und sollte es auch befremdend klingen, auch das “Opfer” hat einen Anteil am Vergehen des Partners mitzuverantworten. Frag dich also ganz ehrlich und ohne Schönfärberei, inwieweit du am Geschehenen beteiligt gewesen bist! Gegenseitiges Annehmen und Verstehen ist ein wesentlicher Baustein für Paare, um Verletzungen, die passiert sind, auszuheilen und wieder den Weg aus der Krise zurück zur Liebe zu finden.

Gab es Zeichen oder klare Bitten, die von dir ignoriert wurden? Hatten andere Dinge mehr Priorität in deinem Leben?

Menschen sind nicht einfach „böse“, sondern tun das Beste, das ihnen in der jeweiligen Situation einfällt. Frag dich, welches Bedürfnis deines Partners du nicht erfüllt hast, und was du tun kannst, um in Zukunft mehr von dem, was sich dein Partner wünscht, in die Beziehung einbringen zu können.

Eingeständnis von demjenigen, der die Verletzung begangen hat

Besonders wichtig ist, dass auch derjenige, der die Verletzung begangen hat, dem Partner seine Schuld eingesteht, selbst wenn das Vergehen ungewollt oder aus Versehen geschehen ist. Ob du jemanden verletzt hast oder nicht, entscheidet nicht deine Intention, sondern entscheiden die Gefühle deines Partners. Der Satz: „Ich habe dich verletzt, es tut mir sehr leid“, fällt vielen Menschen schwer, weil sie sich damit ein Stück in die Abhängigkeit ihres Partners begeben.

So können Paare ihre Beziehungsprobleme lösen!

Es braucht Größe, dem Partner quasi mit leeren Händen gegenüberzutreten und auf seine Zustimmung und seinen guten Willen angewiesen zu sein. Daher neigen wir eher dazu, das Geschehene zu relativieren oder die Verantwortung darüber abzuschieben.

Mit halbherzigen Eingeständnissen wie diesen, fühlt sich ein Partner meist noch weniger verstanden:

„Kann schon sein, dass ich dich unfair behandelt habe, doch auch du sagst mir ja nicht immer die Wahrheit!“

oder:

„Tut mir leid, wenn dich das verletzt hat, jetzt siehst du mal, wie es ist, wenn….“

Wenn du deinen Partner verletzt hast, wirkt klares Anerkennen heilender als Beschwichtigungen und relativierende Ausreden:

„Ich weiß, ich hab dir damit weh getan, es tut mir wirklich leid!“

Verzeihen ist möglich!

Der Gedanke mitverantwortlich zu sein und die Reflexion des eigenen Verhaltens machen handlungsfähig und bieten dir eine realistische Chance auf einen Neuanfang mit deinem Partner. So geschehen bei einem Ehepaar, das vor einigen Monaten um meinen Rat gebeten hat.

Konkretes Fallbeispiel:

Die Ehefrau kam zu mir, weil ihr Mann, mit dem sie seit 15 Jahren verheiratet ist und mit dem sie drei gemeinsame Kinder hat, eine außereheliche Beziehung mit einer Arbeitskollegin hatte. Der Kummer und das Leid darüber, unfair behandelt und von ihrem Mann hintergangen worden zu sein, machte sie zunächst völlig hilflos und handlungsunfähig. Nach einer Weile gelang es mir, sie auf blinde Flecken ihrerseits hinzuweisen und den eigenen Anteil anzuerkennen. Ihre ursprüngliche Annahme, alles für die Beziehung getan zu haben, erwies sich schließlich auch in ihren Augen als falsch. Es gehört viel Mut und Liebe dazu, sich über den eigenen Schmerz hinaus auf den Partner hinzubewegen zu können – beides hatte sie!

Verletzungen und Krisen als Entwicklungschancen wahrnehmen

Nach einer Phase intensiver Gespräche und einem ehrlichen Austausch mit ihrem Mann darüber, wie und warum es zur Krise gekommen war, welche gegenseitigen Bedürfnisse im Alltag der beiden bisher übersehen worden sind, und was in Zukunft Priorität in der Beziehung haben soll, gelang es den beiden, das gegenseitige Vertrauen und schließlich auch die Intimität wieder herzustellen. Mittlerweile sind die beiden wieder glücklich vereint, die Liebe zwischen ihnen hat sich sogar noch vertieft!

“Lieber Dominik! Bevor wir uns zum ersten Mal unterhielten, hätte ich mir nie gedacht, dass ich mit meinem Mann jemals wieder so glücklich zusammenleben kann. Das Gefühl selbst mitverantwortlich zu sein, hat mich auf eigenartige Weise gestärkt. Vor dem gemeinsamen Gespräch mit meinem Mann dachte ich: „Jetzt ist eh schon alles egal, also lass uns einfach reden.“ Noch nie zuvor hatten mein Mann und ich uns so ehrlich ausgetauscht. Seitdem fühle ich mich nicht länger hilflos dem Schicksal ausgeliefert, sondern weiß was ich tun kann, damit unsere Beziehung hält. Danke!!! ”

Christiane

Zusammenfassung

Wer sich, nachdem er verletzt wurde, dauerhaft nicht dazu bereit fühlt, seinem Partner zu verzeihen, sollte Hilfe in Anspruch nehmen und/oder sich seine Gefühle ehrlich zugestehen und die Beziehung beenden.

Alles, was dauerhaft nachgetragen wird, ist ein Weg, dich selbst und deinen Partner ewig für die Vergangenheit zu prügeln, die Zukunft zu erschweren und das Hier und Jetzt unerträglich zu gestalten. Mit Liebe hat das wenig zu tun.

Wer sich hingegen von Herzen bereit fühlt, das Verstehen und das Verzeihen umzusetzen, kann Verletzungen heilen und ist für eine außergewöhnliche Chance reif, die Liebe zum Partner wieder neu zu entdecken.

Apropos Verzeihen

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Profilbild von Dominik Borde
Dominik Borde, MSc (geb. 1971) ist einer der führenden Beziehungs-Coaches Europas und Gründer des Unternehmens Sozialdynamik mit Sitz in Wien. Der durch die International Coach Federation (ICF) zertifizierte Trainer und sein Team bieten Coaching- und Trainingsleistungen für Einzelpersonen und Paare, sowie – speziell für Führungskräfte entwickelte – Programme „Leadership 4.0“, „High Performance Coaching“ und „Executive Coaching“ an. In seiner Arbeit verwendet Borde unter anderem die von ihm entwickelte „360° Methode“ und das Konzept der „Sozialdynamik“, um die Eigenverantwortung des Einzelnen zu stärken und die Kommunikation innerhalb von Gruppen zu harmonisieren. Borde ist Autor zahlreicher Fachbücher und Videos zum Thema Beziehungsgestaltung und wird regelmäßig von internationalen Medien als Experte hinzugezogen.

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